Warum das deutsche Rentensystem scheitert – und wie wir es retten können
FA, 2025
1. Ein System am Ende seiner Lebenszeit
Seit Norbert Blüms legendärem Satz „Die Rente ist sicher“ (1986) wird über Reformen diskutiert – aber nie umgesetzt. Dabei war schon bei der Einführung klar:
Das deutsche Rentensystem ist eine Notlösung. Es basiert auf einem Umlageverfahren, das nur funktionierte, weil die Nachkriegsgeneration groß und jung war. Spätestens seit dem Pillenknick der 1960er-Jahre war absehbar, dass dieses Modell im 21. Jahrhundert kollabieren würde.
Trotz 32 Jahren CDU-geführter Regierungen wurden strukturelle Reformen nicht angegangen. Heute ist das Ergebnis unübersehbar:
- Das System ist wirtschaftlich bankrott
- Die Beiträge reichen nicht mehr aus
- Der Steuerzahler muss jährlich zweistellige Milliarden zuschießen
- Die Leistungen sind unterdurchschnittlich
- Die Beitragszahler sind am Limit
Deutschland hat eines der teuersten und gleichzeitig schlechtesten Rentensysteme der industrialisierten Welt.
2. Politische Kurzsichtigkeit statt echter Reform
Die neue schwarz-rote Bundesregierung hat mit dem „Rentenpaket II“ erneut versucht, Symptome zu behandeln. Die Junge Union wollte das Paket blockieren – und beinahe wäre die Regierung nach drei Quartalen gescheitert.
Kanzler Merz kündigt nun eine neue Rentenkommission an. Doch eigentlich ist längst klar, was getan werden müsste.
Jede nachhaltige Reform beginnt bei der Ursache – nicht bei den Symptomen.
3. Internationale Vorbilder: Wer es besser macht
Wer Lösungen sucht, muss vergleichen.
Österreich
- Höhere Renten
- Bessere Leistungsbilanz
- Beamte und Selbstständige integriert
- Deutlich gerechter und effizienter
Schweden
- Kapitalgedecktes System
- Aber: Nur 2,5% Kapitaldeckung – viel zu wenig
- Dennoch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung
Die logische Konsequenz:
Deutschland braucht ein modernes Mischsystem.
4. Das Mischsystem der Zukunft: 20/80 bis 40/60
Ein reines Umlageverfahren ist nicht mehr tragfähig. Ein reines Kapitalverfahren wäre politisch nicht durchsetzbar.
Die Lösung liegt dazwischen:
Ein Mischsystem mit zwei Säulen
- 20–40% Umlage – abhängig von der Demografie – stabilisiert durch moderate Steuerzuschüsse
- 60–80% Kapitaldeckung – individuell aufgebaut – unabhängig von der Bevölkerungsstruktur – langfristig renditestark
Damit entsteht ein System, das fair, stabil und zukunftsfähig ist.
5. Der demografische Tannenbaum – die mathematische Grundlage
Der Umlageanteil ergibt sich nicht aus Ideologie, sondern aus Demografie.
Früher:
- 3–4 Beitragszahler pro Rentner
- Umlageanteil 70–80% tragfähig
Heute:
- 1,5 Beitragszahler pro Rentner
- Umlageanteil maximal 30–40% tragfähig
Zukunft:
- 1:1 Verhältnis
- Umlageanteil nur noch Grundsicherung
Die Demografie zwingt uns zum Mischsystem.
6. Der Kapitalstock – die fehlende Säule
Um 20–40% der Renten kapitalgedeckt zu finanzieren, braucht es einen Kapitalstock von etwa 1 Billion Euro.
Das klingt groß – ist aber machbar:
- Auf 10 Jahre verteilt: 100 Milliarden pro Jahr
- Das Geld verschwindet nicht – es wird angelegt
- Es erwirtschaftet Rendite
- Es stabilisiert das System dauerhaft
Deutschland kann das stemmen.
7. Das Ende der Spaltung: Alt gegen Jung
Das heutige System erzeugt einen künstlichen Generationenkonflikt:
- Die Jungen fühlen sich ausgebeutet
- Die Alten fühlen sich bedroht
- Beide Seiten misstrauen dem System
Ein Mischsystem beendet diesen Konflikt:
- Jeder zahlt gleich ein
- Jeder bekommt gleich raus
- Demografische Schwankungen werden durch Kapitaldeckung und Steuerkasse ausgeglichen
- Niemand wird benachteiligt
- Niemand wird bevorzugt
Das schafft soziale Gerechtigkeit und stärkt den sozialen Frieden.
8. Die 5 Kehrtwenden des Club of Rome – der blinde Fleck der Politik
Keine Rentenreform wird nachhaltig sein, wenn wir die strukturellen Fehlentwicklungen ignorieren.
Besonders relevant:
Die Ungleichheits-Kehrtwende
Der Club of Rome definiert ein gesundes Maß: 10/40 – die obersten 10% besitzen 40% des Vermögens.
Deutschland liegt bei 10/60. Die oberen 10% besitzen über 60% des Volksvermögens. Die unteren 90% teilen sich weniger als die Hälfte.
Das ist sozial, wirtschaftlich und politisch instabil.
Die 5 Kehrtwenden sind die logische Ergänzung zu den 10 Geboten, die unser Rechtssystem prägen. Gemeinsam bilden sie den Rahmen für eine gerechte, nachhaltige Gesellschaft.
9. Beitragsjahre und Renteneintrittsalter – die einfachste Reform überhaupt
Die aktuelle Debatte ist künstlich aufgeheizt und unnötig kompliziert.
Die Lösung ist simpel:
- 45 Beitragsjahre = 100% Rente
- Wer früher anfängt, kann früher aufhören
- Wer später anfängt, arbeitet länger
- Das Eintrittsalter wird flexibel
- Die Lebensarbeitszeit verschiebt sich Richtung junge Jahre
Das ist logisch, fair und realistisch.
10. Die Zukunft: KI, Automatisierung und das Ende der klassischen Erwerbsbiografie
Mit KI und Automatisierung verändert sich die Arbeitswelt radikal:
- Weniger menschliche Arbeitskraft nötig
- Bildungswege können verkürzt werden
- Junge Menschen können früher ins Berufsleben einsteigen
- Ältere Menschen müssen nicht bis 70 arbeiten
Langfristig führt kein Weg vorbei an:
Einem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE)
- als Basis sozialer Sicherheit
- als Ersatz für große Teile des SGB
- als Antwort auf Automatisierung und KI
Damit könnte das SGB um mehr als die Hälfte reduziert werden.
11. Das größte Hindernis: Lobbyismus
Die Reformen sind logisch. Sie sind machbar. Sie sind finanzierbar.
Was sie verhindert, sind:
- Partikularinteressen
- Verbände
- Lobbygruppen
- Politische Angst vor Veränderung
Die BRD könnte am Lobbyismus scheitern – nicht an fehlenden Lösungen.
12. Fazit: Deutschland braucht Mut zur Zukunft
Ein modernes Rentensystem ist möglich. Ein gerechtes Rentensystem ist möglich. Ein generationenübergreifender Sozialstaat ist möglich.
Aber nur, wenn wir:
- das Umlageverfahren auf ein realistisches Maß reduzieren
- einen starken Kapitalstock aufbauen
- die 5 Kehrtwenden ernst nehmen
- die Generationenspaltung beenden
- KI und Automatisierung als Chance begreifen
- den Lobbyismus begrenzen
Deutschland kann ein Vorbild für Europa werden – wenn wir endlich den Mut haben, das System vom Kopf auf die Füße zu stellen.